So richtig Winter war es zwar nicht, aber das konnten die Organisatoren im Spätsommer nicht wissen. Ossi Klein hatte bei der Saisoneröffnung angeregt, das
neue Jahr doch mit einer Winderwanderung zu eröffnen. Diesem Aufruf waren am 8. Januar 24 Personen gefolgt - Schiedsrichter mit Partnern, Kindern und einem
Hund. Vergessen konnte den Termin auch keiner haben: Hatte doch Oliver Krause die Schiedsrichter per Email noch einmal eindringlich erinnert: "Zweimal wird
die Region noch wach, dann ist SR-Wandertach!"
Nachdem es morgens noch heftig geregnet hatte, war der Wettergott den Wanderern hold: Bei acht Grad ließ sich sogar die Sonne sehen, als Oliver Krause und
Nils Hallstein die Teilnehmer um 14.30 Uhr am Waldsportpark in der Darmstädter Heimstättensiedlung begrüßten, in der heute etwa 8.000 Menschen leben. Ossi
Klein hatte wie schon im Sommer viele Informationen zusammengetragen und zeigte seinen Darmstädter Kollegen ein weiteres Stück seiner Heimatstadt. Wieder
war der Darmstädter Süden Ort des Geschehens.
So erfuhren die Wanderer, dass erst 1923 in wirtschaftlich schwierigen Zeiten der erste Spatenstich für die "Arbeitslosensiedlung" war, die die Möglichkeit
erhalten sollten, sich in Eigenhilfe eine Existenzgrundlage zu schaffen. So waren die Grundstücke etwa 1000 Quadratmeter groß mit großen garten für den
Gemüseanbau und einem Stall hinter dem Haus. In der Bombennacht am 11. September 1944 wurden viele Häuser zerstört, doch bereits 1948 begannen
deutschstämmige Flüchtlinge mit dem Bau von Siedlungshäusern. Viele Straßennamen zeugen von deren verlorener Heimat: Siebenbürger Sachsen (heute Rumänien
und Ungarn), Donauschwaben (heute Tschechien) und Buchenländer (heute Kroatien) hatte es nach Darmstadt verschlagen. Straßennamen wie der Hermannstädter
Weg:(Siebenbürgen, rumänisch Sibiu), die Klausenburger Straße, (Siebenbürgen, rumänisch Cluj), die Fünfkirchner Straße (Ungarn), die Karlsbader Straße
(Nord-West-Böhmen, Tschechien), die Siebenbürgenstraße (Siebenbürgen, rumänisch/ungarisch), der Kronstädter Weg (Siebenbürgen), die Czernowitzer Straße
(Hauptstadt der Bukowina, deutsch Buchenland), der Buchenlandweg oder die Ödenburger Straße (Stadt im Komitat, Raab-Ödenburg/Neusiedler See).
Die SG Eiche war der erste Sportverein, der in der Siedlung gegründet wurde - 1951 war es soweit. 1954 kam der SV Rot Weiß hinzu, der später - um eine
Kulturabteilung erweitert - zur SKV Rot Weiß wurde. Der Baubeginn für das neue Rot-Weiß-Gelände, an dem die Wandergruppe startete, war 1984, Heinrich Knieß
war die treibende Kraft, 1988 konnte das Gelände samt Sportheim eingeweiht werden.
Erste Station der Wanderung war das unmittelbar neben dem Sportgeländer der SKV Rot Weiß Darmstadt gelegene Gelände des "Alten Schießplatzes". Als
Militärschießplatz 1932 erstellt wurde er von den Amerikanern bis 1966 genutzt, bevor diese dann auf die "Rifle Range" bei Messel umzogen - auch dieses
Gelände im Wald zwischen Messel und Roßdorf ist inzwischen renaturiert. Geschossen wurde in Darmstadt mit Panzerabwehrkanonen - ein Relikt aus dieser Zeit
ist eine lange Mauer aus 1,20m starkem Beton, die bisher allen Versuchen getrotzt hat, sie abzureißen. Immerhin - während des Krieges konnte die vorhandene
Infrastruktur als Schutzräume genutzt werden. Heute ist der Alte Schießplatz ein riesiges Freigelände, das schon für verschiedene Nutzungen vorgesehen war -
vom Schwimmbad über eine Großsporthalle bis hin zu einer Skateranlage oder einem Bolzplatz - alles ist an den Finanzen der chronisch klammen Stadt Darmstadt
gescheitert.
Weiter ging's über eine Fußgängerbrücke hinüber nach Bessungen, die vor ein paar Jahren traurige Berühmtheit erlangt hat: Jugendliche Steinewerfer hatten
eine Frau tödlich verletzt, die in ihrem Auto unter der Brücke durchfuhr. Den Stein hatten sie auf Verdacht geworfen - aufgrund des damals hohen,
undurchsichtigen Geländers hatten sie keinen Einblick auf die Straße - und die Autofahrerin hatte keine Chance, sie zu sehen.
Den weiteren Weg prägten die Kasernen der US Army, die vor einigen Jahren aus Darmstadt abgezogen ist. Noch heute stehen die Wohnungen leer, während zahllose
Studenten gerade in diesem Jahr händeringend Zimmer suchen - G8 und weggefallene Wehrpflicht sorgen für besonders viele Studienanfänger. Verstehen muss man
das nicht. Allein sechs Kasernen oder Wohnsiedlungen gab es in Darmstadts Süden: Die Ernst-Ludwig-Kaserne, die Kelly Baracks, das Nathan-Hale-Depot (als
Verpflegungslager), die Lincoln-Siedlung mit 588 Wohnungen, die Cambrai-Fritsch-Kaserne, die Jefferson-Siedlung und die St. Barbara-Siedlung. Die
Heimstättensiedlung ist von ihnen quasi umzingelt.
Pünktlich auf die Minute nach zwei Stunden trafen die Wanderer wieder am Ausgangspunkt ein. Keiner ließ es sich nehmen, in die Gaststätte Waldsportpark
einzukehren und bei einem gepflegten Essen die verbrauchten Kalorien wieder nachzufüllen. Der Dank der Schiedsrichter gilt dem organisierenden
Vergnügungsausschuss und Ossi Klein mit seiner Frau Rosemarie, die die Wanderung perfekt vorbereitet hatten und ein weiteres Stück neuerer Darmstädter
Geschichte lebendig werden ließen. Wir freuen uns bereits auf die Neuauflage.